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Blue Smoke

Der Surfer im Säurebad

  • 19. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit


von Daniel Nenning


Es fängt nicht mit einem Knall an. Es fängt mit dem Wind an.

Du stehst am Strand deines eigenen Kopfes, und wochenlang war da nichts als bleierne Flaute. Das Wasser war grau, dickflüssig wie Quecksilber, und jeder Schritt darin fühlte sich an, als würdest du versuchen, durch nassen Beton zu waten. Das ist die Tiefe. Die Depression. Sie ist nicht traurig – Traurigkeit wäre ein Gefühl, und Gefühle sind Luxus. Die Depression ist die Abwesenheit von allem.


Es ist der Moment, in dem der Regisseur „Schnitt“ ruft, aber vergessen hat, das Set neu zu beleuchten. Du sitzt im Dunkeln, und die bloße Existenz ist eine Zumutung. Atmen ist Arbeit.

Die Farben sind aus der Welt gesickert, als hätte jemand den Sättigungsregler auf Null gedreht. Du bist ein Geist in deiner eigenen Wohnung, eine Hülle, die wartet.


Aber dann dreht der Wind.

Zuerst ist es nur ein Kribbeln im Nacken. Ein kleiner Riss in der grauen Wolkendecke, durch den ein Lichtstrahl fällt, der so hell ist, dass er wehtut. Plötzlich schmeckt der Kaffee nicht mehr nur bitter, er schmeckt nach Möglichkeit. Deine Synapsen, die monatelang im Winterschlaf lagen, feuern plötzlich Salven ab. Peng. Peng. Peng. Die Welle kommt.


Hier scheiden sich die Geister. Die Lehrbücher sagen, das ist der Beginn der Krankheit. Ich sage: Das ist der Moment, in dem ich mein Surfbrett wachse. Man muss verstehen, dass die Manie – oder die Hypomanie, ihre etwas salonfähigere kleine Schwester – nicht einfach nur „gute Laune“ ist.

Das ist Bullshit.

Es ist, als würde man Starkstrom an eine 40-Watt-Birne anschließen.

Du glühst. Du vibrierst.

Und ja, ich habe gelernt, diese Wellen zu reiten.


Am Anfang, als ich noch jung und dumm war, haben mich die Wellen zerschmettert. Ich bin gesoffen, ich bin gerannt, ich habe Geld ausgegeben, das ich nicht hatte, für Dinge, die ich nicht brauchte, um Leute zu beeindrucken, die ich nicht mochte. Ich war ein Tsunami, der auf das Festland prallt. Zerstörung pur.


Aber jetzt? Jetzt sehe ich die Welle kommen, und ich habe Respekt. Ich paddele raus.

Ich spüre, wie das Wasser unter mir ansteigt, diese gewaltige chemische Kraft, die mich hochhebt.

Und wenn du den Sweet Spot triffst, wenn du genau auf der Kante stehst, dann ist es das geilste Gefühl der Welt. Du bist schneller als die Zeit.

Du siehst Muster, wo andere nur Chaos sehen.

Du bist charmant, du bist witzig, du bist unbesiegbar.

Die Welt ist kein tristes Wartezimmer mehr, sie ist ein neon-leuchtender Spielplatz, und du hast den Generalschlüssel.

Das ist die Verführung. Das ist der Sirenengesang.

Ich stehe auf dem Brett und carve durch die Röhre der Welle. Ich schreibe Texte in halber Geschwindigkeit, meine Gedanken sind kristallklar, ich verbinde Ideen, die nichts miteinander zu tun haben, zu einem perfekten Mosaik. Schlaf? Überbewertet. Wer muss schlafen, wenn das Leben so dringend ist?


Doch das Tückische am Surfen ist: Du kannst nicht ewig oben bleiben.

Jeder Surfer weiß, dass die Welle bricht. Das ist Physik. Und das ist der Preis, den wir zahlen. Das Wechselbad. Die Rechnung kommt immer. Wenn die Welle bricht, fällst du nicht einfach ins Wasser. Du fällst auf das Riff.

Der Absturz ist brutal, weil er so vertraut ist. Gestern warst du noch Gott, heute bist du wieder der Käfer auf dem Rücken. Die Energie zieht sich zurück wie bei einer Ebbe vor dem nächsten Sturm, und sie nimmt alles mit: dein Selbstvertrauen, deine Eloquenz, deine Hoffnung. Zurück bleibt der Schlick. Die Scham darüber, was du gesagt hast, als du oben warst. Die Angst vor den Scherben.

Und das ist der Loop. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Es ist ein gnadenloses Metronom. Tick (hoch), Tack (runter).


Aber hier ist das Geheimnis, das wir uns selten trauen laut auszusprechen: Ich liebe den Ritt, so sehr ich ihn fürchte. Ich habe gelernt, auf dem Brett zu stehen, ohne zu stürzen – meistens zumindest. Ich habe gelernt, die Geschwindigkeit zu genießen, aber die Bremse zu ziehen, bevor ich gegen die Klippen rase. Ich bin zum Wetterfrosch meiner eigenen Biochemie geworden.


Es ist ein Leben im Extremen. Ein Leben ohne Mitteltöne. Während andere auf der Autobahn des Lebens brav mit 130 km/h auf der Mittelspur fahren, kenne ich nur Vollgas oder Vollbremsung. Es ist anstrengend. Gott, es ist so verdammt anstrengend. Es hört nie auf.

Die See wird nie ganz ruhig sein.

Aber wenn ich da oben stehe, auf dem Kamm der Welle, im gleißenden Licht meiner eigenen Neurochemie, und für einen Moment alles, wirklich alles, einen Sinn ergibt – dann weiß ich:

Ich würde nicht tauschen wollen. Zumindest nicht, bis die Welle bricht.

Und sie bricht immer. Bis es eines Tages für immer aufhört.


Über den Autor Daniel Nenning


Er ist kein Tourist in der Welt der Extreme, er ist dort ansässig. Daniel schreibt nicht aus der sicheren Distanz eines Beobachters, sondern direkt aus dem Auge des Sturms. Er ist ein Alchemist der eigenen Biochemie, der gelernt hat, das Blei der Depression und das grelle Neonlicht der Manie in etwas Drittes zu verwandeln: in radikale Akzeptanz und ungeschönte Kunst.


Für ihn ist die Bipolarität keine bloße Diagnose, die man wie einen schweren Mantel mit sich herumschleppt, sondern eine Linse mit ultrahoher Auflösung. Er sieht die Welt dort, wo sie Risse hat, und dort, wo das Licht am hellsten bricht. Seine Mission ist es, die Stille zu durchbrechen und die Scham vom Tisch zu fegen.


Er ist der Beweis, dass man nicht zerbrechen muss, wenn die Realität wackelt. Dass man lernen kann, auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Abgrund zu tanzen, ohne abzustürzen. Seine Stimme ist ein Leuchtfeuer für alle, die sich im grauen Nebel verloren glauben oder im Höhenrausch zu verbrennen drohen.


Seine Botschaft ist einfach und kraftvoll: Du bist nicht „kaputt“.

Du bist ein Verstärker in einer Welt, die oft zu leise ist.

Lerne, die Regler zu bedienen. Die Musik, die dann entsteht, gehört dir ganz allein.

 
 
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